„Wir leben nicht im Kapitalismus“: Warum Gold bald unser neues Geld sein könnte

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„Jede Form von Kapitalismus-Kritik ist in gewisser Hinsicht falsch.“ Diese Sichtweise vertritt Ökonom und Goldmarkt-Experte Thorsten Polleit in seinem Buch. Im Sputnik-Interview nennt er dazu konkrete Beispiele. Außerdem wagt er einen Blick in die Zukunft, wie unser künftiges Geld aussehen könnte. Er erklärt auch, was er am Sozialismus kritisiert.

Falsch und nicht zielführend sei es, alle Missstände der heutigen Welt und Wirtschaft – wie Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrisen, Umweltprobleme und ungleiche Wohlstandsverteilung – „dem Kapitalismus anzulasten“, so Buchautor und Ökonom Thorsten Polleit im Gespräch mit Sputnik.

Darin sprach er über sein neues Buch „Der Antikapitalist“, das Mitte Oktober erschienen ist. In diesem untermauert der Chef-Volkswirt bei „Degussa Goldhandel“, dem Marktführer unter den deutschen Edelmetallhändlern, seine Analyse mit weiteren Fakten.

Dass die Gesellschaft tatsächlich im Kapitalismus lebe, „ist für mich eine falsche Ursachendiagnose“, konkretisierte der Ökonom und Autor im Interview.
„Das, was man beklagt, ist nicht der Auswuchs des Kapitalismus. Sondern ich befürchte, das ist das Zurückdrängen des Kapitalismus.

Vermeintliche Kapitalismus-Kritik ist im Kern eigentlich Sozialismus-Kritik. Was wir vorfinden, ist ein sogenannter Interventionismus, wo der Staat zusehends eingreift in das Wirtschaftsgeschehen und so große Schäden verursacht.“

Dies sei nicht nur an aktuellen Debatten um weitere Lockdown-Maßnahmen gut erkennbar, sondern strukturell. Weder „diesseits noch jenseits des Atlantiks haben wir einen reinen Kapitalismus“.

Was verbirgt sich hinter „anti-kapitalistischer Mentalität“?

Die sogenannte anti-kapitalistische Einstellung und Mentalität „ist allgegenwärtig und prasselt tagtäglich und in verschiedenen Formen auf die Menschen ein, in Bild, Schrift und Ton“, schreibt Polleit in seinem neuen Buch. Diesen Begriff habe der US-österreichische Ökonom und wichtigste Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, Ludwig von Mises, bereits 1956 „in seinem (…) Buch ‚The Anti-Capitalistic Mentality‘ geprägt.

Der Kapitalismus wird als etwas Unerwünschtes, als etwas Bedrohliches angesehen, als Feindbild aufgebaut. Alle möglichen Übelstände werden ihm angelastet. Auf Protestmärschen werden Plakate herumgetragen, die die Parole tragen: ‚Die Krise heißt Kapitalismus‘.“

Mischformen zwischen Kapitalismus und Sozialismus seien demnach zum Scheitern verurteilt (Das globale Finanzsystem: Wir lassen uns täuschen).

 

„Das finden wir heute in Nordamerika, Lateinamerika, in Europa, bei weiten Teilen Asiens – überall dort hat man Interventionismus. Dieser breitet sich immer weiter aus und er kennzeichnet sich dadurch, dass der Staat immer stärker in die Märkte eingreift und so Probleme verursacht, die dann fälschlicherweise dem Kapitalismus angelastet werden.“

Eine kurze Geschichte des Geldes

Dies habe der von ihm zitierte von Mises „in aller Klarheit“ erkannt, bereits in früheren Publikationen wie etwa in einem Buch von 1929. Auf den US-Österreicher geht nicht nur namentlich das „Mises-Institut“ in Alabama (USA) zurück. Autor Polleit stand und steht nach eigener Aussage in ständigem Kontakt und Austausch mit dort wirkenden Ökonomen und Wirtschafts-Analytikern. Auch bei der aktuellen Buch-Veröffentlichung ist dies laut ihm der Fall gewesen.

Historisch sei die heute von Polleit kritisierte Entwicklung bereits in der Gründerzeit im 19. Jahrhundert gut zu beobachten gewesen oder auch zur Zeit „der Gründung und Industrialisierung der Vereinigten Staaten von Amerika“. Der Ökonom bezeichnet deshalb den Staat auch kritisch als „territorialen Zwangs-Monopolisten, mit der letzten Entscheidungsmacht über alle (gesellschaftlichen und wirtschaftlichen, Anm. d. Red.) Konflikte. Man muss dazu sagen: In früheren Zeiten war der Staat noch wesentlich kleiner.“ Im Zuge der Zeit habe das Staatswesen immer mehr Kompetenzen und vermeintliche Hoheitsaufgaben an sich gerissen, bemängelte er.

„In den letzten Jahrzehnten ist der Staat immer größer geworden. Das zeigt sich in allen modernen Demokratien weltweit.“ Er warnte vor einem „Maximal-Staat“, der laut ihm die vorhandenen Probleme eher nur vergrößert, statt sie zu lösen.

„In friedvoller, freiwilliger Art und Weise findet Handel und Handeln zwischen Menschen statt“, betonte Polleit Grundsätzliches in Wirtschaft und Gesellschaft. „Dahinter verbirgt sich der unbedingte Respekt vor dem Eigentum, eine ethisch akzeptable Eigentums-Norm, die man im reinen Kapitalismus findet.“ Mit dieser Haltung würden auch Konflikte gelöst und minimiert werden, zeigte er sich überzeugt.

Lag Alt-Kanzler Schmidt beim „Raubtier-Kapitalismus“ falsch?

„Das Wort ‚Raubtier-Kapitalismus‘ ist ein Etikettenschwindel“, bewertet Polleit sowohl in Buch und Interview Aussagen von Alt-Kanzler Helmut Schmidt (SPD). Der frühere Regierungschef hatte im Rahmen der internationalen Finanz-Krise 2008/09 diesen Begriff geprägt. „Er hat damit versucht, aufgrund seiner offensichtlichen antikapitalistischen Haltung, die Ursachen für diese Krise dem Kapitalismus in die Schuhe zu schieben. Viele Menschen haben das kritiklos akzeptiert, denke ich. Doch ich versuche in meinem Buch klarzustellen, dass das ein großer und folgenschwerer Irrtum ist.“

Denn tatsächlich sehe die Realität so aus, schilderte Polleit:

„Das internationale Finanz-System basiert auf einem staatsmonopolistischen Geld. Die Staaten haben das Geldmonopol, bestimmen die Banken-Regulierungen. Die Probleme, die dieses monetäre Arrangement immer wieder hervorbringt, hat gar nichts mit Kapitalismus zu tun. In einem (echten, Anm. d. Red.) Kapitalismus gäbe es keine Zentralbank. In einem Kapitalismus gäbe es keine monopolisierte Währung, in einem Kapitalismus gäbe es keine Banken, die mit einer Teil-Reserve operieren. Da gäbe es Währungsfreiheit und Währungswettbewerb. Das habe ich versucht, in diesem Buch unter anderem darzustellen.“

Was der Autor Sahra Wagenknecht sagen würde…

Die frühere Vorsitzende der Links-Fraktion im Bundestag und sozialistische Vordenkerin der Gegenwart, Sahra Wagenknecht, ist als glühende Kapitalismus-Kritikerin bekannt. In Büchern und Reden kritisiert sie oft den kapitalistischen Status Quo – so wie sie ihn definiert.

Mit all seinen krisenhaften Erscheinungen. Der Kapitalismus habe „seine beste Zeit hinter sich“, sagte sie in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin „Capital“ im Mai. Bisher habe der Kapitalismus all seine Krisen überlebt.

 

„Ich würde versuchen zu zeigen, dass der Sozialismus nicht funktionieren kann. Ludwig von Mises hat abschließend mit wissenschaftlichen Mitteln zeigen können, dass der Sozialismus keine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist, die funktioniert.“

Außerdem würde der Goldmarkt-Analytiker und Autor betonen, es gebe keinen reinen Kapitalismus. Doch nur ein solcher würde ein produktives und stabiles Wirtschaftsleben garantieren. „Was man eben vorfindet, ist der interventionistische Staat, der durch seine vielfachen Eingriffe in das System der freien Märkte immer wieder für Probleme und Krisen sorgt.“

„Die Wahl des Geldes“: Gold und Silber als „natürliche Währungen“

Periodisch wiederkehrende Wirtschaftskrisen und ungleiche Reichtumsverteilung seien Folgen des staatlichen Geld-Monopols, wiederholte er seine Kritik am gegenwärtigen Wirtschaftssystem im Sputnik-Gespräch. Nur wenige – darunter auch viele Wirtschaftswissenschaftler und Ökonomen – würden diese Problemlage jedoch klar erkennen, schätzte er ein.

Dies beinhalte, „dass der Geldwert schwindet und die Volkswirtschaften in die Überschuldung abdriften. Der Gegenentwurf ist ein freier Markt für Geld. Das mag zunächst einmal fremd klingen.“ Aber die Währungsgeschichte zeige: „Wenn die Menschen die Freiheit hatten, ihr Geld selber bestimmen zu dürfen, dann haben sie Edelmetalle verwendet: Gold, Silber, manchmal Kupfer. Das war die währungspolitische Norm.“ Doch der Staat habe spätestens seit 1970 die „volle Hoheit“ über das Geld und die Geldproduktion erlangt.

Der Staat „hat das Gold-Geld abgeschafft und es durch sein eigenes, ungedecktes Papiergeld ersetzt. Die Währungsordnung, die wir heute vorfinden, ist also sehr unnatürlich.“ Insbesondere, weil „die Geldmengen auf Knopfdruck in beliebiger Menge ausgeweitet werden können“. Daher plädiere er seit langem für einen freien Wettbewerb der Währungen, für ein freies Angebot für Geld.

Letztlich entscheide – ist er überzeugt – in einem tatsächlich freien Markt mit mehreren monetären Anbietern „die Nachfrage, was zu Geld wird“.
In einem aktuellen Gast-Beitrag für das Magazin „Focus“ sowie in seinem Degussa-Newsletter nennt Polleit momentan weitere Beispiele, warum der Staat mit „seinem Geld“ und die Zentralbanken versagt hätten. Vor allem in der westlichen Welt.

Das neuartige Coronavirus wirke dabei „wie ein Katalysator“ und beschleunige negative Prozesse, die bereits seit vielen Jahren und Jahrzehnten in Gang seien. Zeit für einen Erneuerungsprozess der Weltwirtschaft, meint er.

Liegt die Zukunft im freien Währungs-Wettbewerb?

Die Zukunft könnte ihm zufolge so aussehen: Niemand, also kein Wirtschaftsteilnehmer, würde schlechtes Geld nachfragen, so wie auch keiner schlechte Schuhe oder andere mangelhafte Güter nachfragen würde.

Eine freie Konkurrenz für Währungen sei wissenschaftlich gesprochen „ein Entdeckungsverfahren: Wir wissen nicht, was das Ergebnis dieses Wettbewerbs wäre. Aber wir kennen einige Grundanforderungen, die gutes Geld (im anglo-amerikanischen Wirtschaftsraum ‚Sound Money‘ genannt, Anm. d. Red.) haben muss. Es muss beispielsweise knapp sein, es muss homogen sein – also von gleicher Art und Güte –, es muss teilbar und haltbar sowie transportabel sein. Auch prägbar.

Vermutlich würde Gold oder Silber zum Grundgeld gekürt. Die Menschen würden dann aber nicht mit klimpernden Münzen wirtschaften, sondern sie könnten auf ihrem Smartphone über eine App mit ihren gelagerten Gold- und Silber-Positionen genauso Überweisungen oder Lastschriften tätigen.“

Es wird „einen Währungswettbewerb geben“, blickte Polleit voraus. In diesem „wird entschieden, was Geld ist und was das Grundgeld wird“.
Die Menschen könnten – vereinfacht dargestellt – zu dem Schluss kommen, dass das Edelmetall Gold im Vergleich zu anderen Geld-Arten das bessere Geld wäre. „Dann wird Gold zum allgemein akzeptierten Tauschmittel.“ (Ehemaliger Zentralbanker: „Die Welt ist auf dem Weg zu einem neuen Währungssystem, das Gold enthält“)

Wirtschaftsakteure, Kunden und Händler hätten dann ihre Gold- und Silber-Bestände in eigenen sowie sicheren Depots bei einem oder verschiedenen Anbietern in Form ihrer eigenen Konten hinterlegt. Etwaige Lagerscheine, sogenannte Geld-Subtitute, würden dann „verbriefen, dass Sie eine bestimmte Menge an Feingold hinterlegt haben und lagern“. Mit diesen könnten dann beispielsweise Käufe oder Investitionen getätigt werden. „Der Wettbewerb findet dann zwischen diesen Geld-Substitut-Anbietern statt, doch das Grund-Geld Gold bleibt davon unberührt. Hier würden sich die besten Anbieter durchsetzen.“

Ein tatsächlicher freier Markt für Geld würde unter solchen Umständen, „und das kann ich Ihnen an dieser Stelle versichern, problemlos funktionieren“, erklärte er in seiner abschließenden Analyse.

Der heutige Staat mit seinem Geld-Monopol diene letztendlich „der Absicherung der Herrschaft, aber nicht dem Wohlergehen der Bürger. Ich würde mich freuen, wenn mein neues Buch das Problem des Anti-Kapitalismus adressieren und die öffentliche Diskussion darüber bereichern könnte.“

Thorsten Polleit: „Der Antikapitalist: Ein Weltverbesserer, der keiner ist“, FinanzBuch Verlag, 1. Auflage, Oktober 2020, 320 Seiten, 19,99 Euro. Das Buch ist überall im Handel erhältlich, auch als E-Book.

Literatur:

Die Angst der Eliten: Wer fürchtet die Demokratie?

Wehrt Euch, Bürger!: Wie die Europäische Zentralbank unser Geld zerstört

Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen: Der Weg in die totale Kontrolle

Wer regiert das Geld?: Banken, Demokratie und Täuschung

Quellen: PublicDomain/de.sputniknews.com am 03.11.2020

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