30 Stunden sind genug! Warum es sinnvoll ist, die Arbeitszeit zu verkürzen

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In einem aktuellen Debattenbeitrag fordert David Spencer, Professor für Wirtschaft und politische Ökonomie an der Leeds Universität, die Ausweitung des Wochenendes. Drei, besser noch vier Tage in der Woche sollten der persönlichen Entfaltung, dem Pflegen von Freundschaften, für Hobbies und zum Ausruhen vorenthalten werden. Möglich wird dies durch eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit von derzeit meist 40 Stunden oder mehr auf nur noch 30 Stunden. Spencer folgt damit den Ideen von David Graeber und Heinz-Josef Bontrup, die in der Arbeitszeitverkürzung ebenfalls einen Ausweg aus der gesellschaftlichen Misere sehen.

(Bild: Ein Wandgemälde des mexikanischen Künstlers Diego Rivera zeigt Fabrikarbeiter am Fließband)

Welche Auswirkungen auf den Einzelnen hat der sich im neoliberalen Gesellschaftsmodell ständig verstärkende Leistungsdruck? Keine sonderlich guten, zu diesem Ergebnis kommt der britische Ökonom David Spencer in seinen wissenschaftlichen Untersuchungen. Lange Arbeitszeiten erhöhen das Risiko von Herzinfarkten und machen anfällig für Diabetes. Hinzu kommen Stress, mangelndes Wohlbefinden und ein verkümmerndes Sozialleben. Wer von Montag bis Freitag den ganzen Tag damit verbringt im Büro zu sitzen, dem bleibt am Wochenende meist nur wenig Zeit für Privates.

Das Problem ist längst global. So sollen in China jährlich 600.000 Menschen pro Jahr an Überarbeitung sterben. Bekannt wurde auch der Fall der indonesischen Werbetexterin Mita Diran. Nach einer Marathon-Sitzung im Büro mit zahlreichen Energy-Drinks schrieb diese auf Twitter:

„30 Stunden Arbeit und noch immer top-fit.“

Es sollte Dirans letzter Tweet werden. Kurz darauf fiel sie aufgrund von Überarbeitung tot von ihrem Bürostuhl.

Das, so Spencer, müsste nicht sein. Schon in den 1930er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat der legendäre Ökonom John Maynard Keynes vorausgesagt, dass zur Jahrtausendwende die Wochenarbeitszeit bei nur noch 15 Stunden liegen wird. Der Grund: Durch technischen Fortschritt und Innovationen steigt die Produktivität. Mit weniger menschlichem Arbeitseinsatz ist dank der Hilfe von Maschinen, Robotern, intelligenten Computersystemen und der digitalen Vernetzung immer mehr Wertschöpfung möglich.

Natürlich nicht in ihrer konkreten Ausgestaltung, wohl aber die generelle Entwicklung betreffend, sagte Keynes die Zukunft voraus. In Deutschland, wie in anderen Industrieländern auch, wächst die Arbeitsproduktivität seit Jahrzehnten beständig an. Allein zwischen 1991 und 2012 ist die Produktivität pro Arbeitsstunde um rund 35 Prozent gestiegen. In 60 Minuten am Arbeitsplatz wird also immer mehr produziert.

In den 1970er und 1980er Jahren waren die Zuwachsraten sogar noch größer. Jedoch – auch das zeigt die folgende Grafik – sind die Reallöhne in der selben Zeit deutlich geringer gestiegen. Das heißt: Die gesellschaftliche Dividende von Entwicklung und Fortschritt wird seit Jahrzehnten nicht an die Arbeitenden weitergereicht, sondern mehrt – gefördert durch die Politik – den Profit und das Vermögen einer überschaubaren Kaste von Kapitaleignern, Privatanlegern und Investoren. Möglich macht dies vor allem das neoliberale Paradigma, das, ungestört von immer stärker werdender Kritik, weiterhin im globalen Maßstab Politik und Wirtschaft beherrscht.

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David Spencer sieht einen regelrechten Teufelskreis am Werk, der sowohl hegemonialer Ausdruck der neoliberalen Ideologie ist, wie auch Abbild der herrschenden Machtverhältnisse. Ständig werden neue Konsumbedürfnisse geweckt, das neueste Auto, das neueste Smartphone, quartalsweise wechselnde Moden werden beworben – es muss schließlich verkauft werden. Steigender Konkurrenzdruck, Individualisierung und das Gerangel um die – aufgrund der zunehmenden Produktivität – immer weniger werdenden attraktiven Arbeitsplätze sorgen schließlich für Lohndumping. Ein berühmt gewordenes Zitat aus dem Film Fight Club bringt es auf den Punkt:

„Von dem Geld das wir nicht haben, kaufen wir Dinge die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren die wir nicht mögen.“

Der Umbau der Sozialsysteme – wie etwa in Deutschland durch die „Agenda 2010″ tut sein Übriges. Auf die Beschäftigten wird Druck „von unten“ aufgebaut. Wer mit geringeren Löhnen, unbezahlten Überstunden oder steigendem Stress am Arbeitsplatz nicht einverstanden ist, kann sich schon bald in einer in einem noch schlechter bezahlten Zeitarbeitsjob oder in der Warteschlange des örtlichen Jobcenters wiederfinden.

Während auf der einen Seite Arbeitnehmer immer mehr arbeiten, dabei aber nicht entsprechend mehr verdienen, steigt auf der anderen Seite das Heer der Arbeitslosen stetig, wovon im öffentlichen Diskurs allenthalben gefälschte offizielle Statistiken ablenken können.

Für Heinz-Josef Bontrup und Mohssen Massarrat lag die Lösung für dieses Problem schon 2011 auf der Hand. In einem „Manifest zur Arbeitszeitverkürzung“ forderten die beiden renommierten Wissenschaftler ebendiese und bewerben ihr Konzept – anders als Spencer, der vor allem individuelle Vorzüge in geringeren Arbeitszeiten sieht – gleichsam als Weg aus der, nicht nur in Griechenland, weiterhin schwelenden gesellschaftlichen und ökonomischen Großkrise.

Vorhandene Arbeit kann gerechter verteilt werden, wenn die Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden begrenzt wird. Durch den sinkenden Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt würden zudem die Stundenlöhne steigen. Statt wenigen Profiteuren käme der Ertrag aus steigender Produktivität denen zu Gute, die für die Wertschöpfung mit ihrer Zeit und Energie einstehen: den Arbeitenden.

Dass das derzeitige Modell der 40-Stunden-Woche enormen gesellschaftlichen Schaden anrichtet, davon ist auch der Anthropologe, Geldsystemkritiker und Occupy-Mitbegründer David Graeber überzeugt. In seinem viel beachteten Essay „Über das Phänomen der Bullshit-Jobs“ schreibt dieser mit Blick auf die Arbeitszeitverkürzung:

„Technologisch sind wir dazu durchaus in der Lage. Und doch ist es nicht geschehen. Stattdessen wurde Technologie dazu verwendet, neue Wege zu finden, uns alle noch mehr arbeiten zu lassen. Um dies zu erreichen, mussten Arbeitsplätze geschaffen werden, die – praktisch gesehen – sinnlos sind. Insbesondere in Europa und Nordamerika verbringen weite Teile der Bevölkerung ihre gesamte Arbeitszeit mit der Durchführung von Aufgaben, von denen sie selbst heimlich wissen, dass sie gar nicht gebraucht werden. Der moralische und geistige Schaden, der aus dieser Situation entsteht, ist tiefgreifend. Er ist eine Narbe quer über unsere kollektive Seele. Doch fast niemand spricht darüber.“

Genau diese Aufrechterhaltung des Tabus hinsichtlich einer Umgestaltung der Arbeitswelt führt laut Graeber schließlich auch zu teilweise absurden Situationen. Vielerorts sei die von Keynes vorausgesagte 15-Stunden-Arbeitswoche bereits Realität, doch werde der Rest der Anwesenheit mit Motivationsseminaren oder dem Bespielen des eigenen Facebook-Accounts gefüllt. Sicherlich eine überspitzte Darstellung, doch klar ist: Statt mit endlosen Marathonschichten kann mit fokussiertem Arbeitseinsatz und Raum für Entspannung in der Regel mehr erreicht werden. Davon profitieren vor allem auch langfristig denkende Arbeitgeber.

Die Frage, warum die von den zahlreichen Experten mit schlagkräftigen Argumenten geforderte Verkürzung der Arbeitszeit nicht längst umgesetzt wurde, führt letztendlich zum Klassenkampf, wie Marx ihn schon postulierte. Denn die Aufrechterhaltung hoher Arbeitszeiten gekoppelt an Löhne, die dem nicht gerecht werden, hat laut Graeber vor allem einen Zweck: Den Machterhalt der herrschenden Klasse, heute oft auch „Elite“ genannt.

Nur wenn – wie bei vorangegangenen Arbeitskämpfen – die arbeitende Bevölkerung gemeinsam für ihre Interessen eintreten würde, wäre eine Umsetzung des Konzepts der Arbeitszeitverkürzung in Sicht. Doch es gehört zu den Erfolgsgeheimnissen der neoliberalen Doktrin, dass Individualisierung und Konkurrenzdenken genau dies verhindern.

So bleibt nur die Hoffnung auf mutige Unternehmer, die entgegen des Mainstreams bereit sind, mit neuen Arbeitszeitmodellen zu experimentieren. Den Pionieren gehörte schon immer die Zukunft.

Literatur:

Die Hartz-IV-Diktatur: Eine Arbeitsvermittlerin klagt an von Inge Hannemann

Glücklich ohne Geld!: Wie ich ohne einen Cent besser und ökologischer lebe von Raphael Fellmer

Das Ende der Großen: Zurück zum menschlichen Mass von Leopold Kohr

Quelle: rtdeutsch.de vom 05.09.2015

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